Vieles an ihr lässt die typische
Mathematikerin erkennen: Bringmann analysiert ständig ihr Umfeld, rechnet auch
mal im Alltag Wahrscheinlichkeiten aus. Lotto spielt sie nicht, „zu
unwahrscheinlich“, sagt die Professorin mit dem Hang zum Rätsellösen. „Es ist
der Wunsch verstehen zu wollen – es ist nie alles gelöst, es gibt immer neue
Fragestellungen.“
Vergessliche Professorin
Ein Chemiker als Vater, eine Mathematikerin
als Mutter und ein Biologe als Bruder: Damit war für Kathrin Bringmann der Weg
in die Welt der Wissenschaft geebnet. Mindestens ein überraschendes Detail aber
birgt ihr Werdegang. Noch bevor sie in Heidelberg zum Doktor der Mathematik
promovierte und anschließend drei Jahre in den USA lehrte, hat Bringmann in
Würzburg katholische Theologie studiert. „Es ist nicht so, dass ich nur
mathematisch denke.“ Das Studium aber passte nicht so recht zur Pragmatikerin.
„Ich kann nicht etwas lernen, das ich nicht lernen will. Dann blockt mein
Gehirn“, sagt sie über sich.
Wenn sie unterwegs ist, hat Bringmann stets
eine braune Pappmappe mit ihren aktuellsten Notizen bei sich. Es sind Blätter
voller Zahlen. Bringmann schöpft aus dem Austausch mit Anderen: „Viel mit Leuten
reden, so finde ich oft das nächste Problem, mit dem ich mich dann befasse.“
Eine unnahbare Wissenschaftlerin ist sie nicht. „Ich brauche Natur und Menschen
um mich herum.“ An dem Klischee des vergesslichen, in seine Arbeit versunkenen
Mathematikers ist aber etwas dran – das bestätigt die junge Professorin. Formeln
merkt sie sich mühelos, im Alltag ist sie dafür vergesslich.
Am Computer eine Niete
Praktisches liegt Bringmann nicht so sehr.
Sie habe zwei linke Hände, sagt die Professorin über sich: „Einen Nagel in die
Wand schlagen, das geht gerade noch – mit Computern bin ich eine Niete.“ Am
liebsten sitzt sie mit einem Block an ihrem Uni-Schreibtisch. Im Regal nebendran
stapeln sich die beschriebenen Spiralblöcke auf bald einem Meter. Aber auch eine
Mathematikerin braucht mal eine Auszeit: „Ich kann nicht immer alles logisch
hinterfragen.“ Bringmann liest gerne und joggt täglich. Fachgespräche mit ihrem
Verlobten, ebenfalls ein Mathematiker, führt sie lieber nicht.
Bringmanns
Gebiet heißt Zahlentheorie und gehört in den Bereich der reinen Mathematik: Sie
ist damit die einzige Frau, die an der Kölner Uni in diesem Bereich lehrt. Für
den Laien ist es ein kniffliges Feld, in dem es von Fachbegriffen nur so
wimmelt.
Autodidakt im Schneidersitz
Erst ringt sie um einfache Worte, um
ihre Arbeit zu beschreiben, dann findet sie doch welche: Den Krupp-Preis bekomme
sie, weil sie ein mathematisches Rätsel gelöst hat. Sie hat die von dem
indischen Mathematiker Srinivasa Aiyangar Ramanujan vor über 80 Jahren
entdeckten „Mock-Thetafunktionen“ entschlüsselt, indem sie sie in eine Theorie
einbettete. Ramanujan fasziniert sie über die Mathematik hinaus: Er sei ein
Autodidakt im Schneidersitz gewesen, der geniale Formeln auf Papier brachte. Wie
er darauf kam, weiß man nicht. Warum die Formeln funktionieren, erforschen
Wissenschaftler noch heute.
Mit den „Mock-Thetafunktionen“ können Wissenschaftler Phänomene, die auch
außerhalb der Mathematik liegen, besser verstehen: Die Biologen etwa das
Wachstum von Zellen, die Physiker schwarze Löcher. „Die Studenten haben mir
diesen Strauß gebracht“, sagt Bringmann und zeigt strahlend und stolz zum Tisch
mit den bunten Blumen.